Wer sich fragt, warum Interviews zu Filmstarts so gleichförmig klingen, muss sich nur ansehen, unter welchen Bedingungen sie entstehen.

Es ist kein Gespräch. Es ist ein industrieller Vorgang mit einem sehr engen Zeitfenster, und das Ergebnis ist genau das, was diese Bedingungen zulassen.

Der Ablauf

Ein Hotel, ein Stockwerk voller Zimmer, in jedem eine Kamera und ein Stuhl. Die Interviewpartner rotieren, oder die Journalisten tun es.

Pro Gespräch stehen häufig vier bis sechs Minuten zur Verfügung. Eine Person aus dem Presseteam sitzt daneben und beendet das Gespräch, meist mitten in einer Antwort.

An einem solchen Tag gibt jemand dreißig bis fünfzig dieser Interviews. Am Nachmittag ist jede Frage bereits zwanzigmal gestellt worden.

Wer sich wundert, dass die Antworten auswendig gelernt klingen: Sie sind es, und zwar zwangsläufig.

Die Regeln vorher

Zugang wird gewährt, nicht erworben, und er ist an Bedingungen geknüpft.

Häufig gibt es eine Liste von Themen, die nicht angesprochen werden dürfen, meist das Privatleben betreffend, gelegentlich auch laufende Verfahren oder frühere Projekte.

Manchmal wird verlangt, dass das Gespräch sich auf das aktuelle Projekt beschränkt. Manchmal wird die Freigabe von Zitaten vorbehalten.

Wer sich nicht daran hält, bekommt beim nächsten Mal keinen Termin. Das ist der eigentliche Durchsetzungsmechanismus, und er funktioniert, weil Zugang das Produkt ist, von dem viele Redaktionen leben.

Warum Redaktionen mitmachen

Die ehrliche Antwort ist wirtschaftlich.

Ein Interview mit einem bekannten Namen erzeugt Reichweite. Reichweite finanziert die Redaktion. Der Zugang dazu wird von den Studios verteilt.

Dazu kommt, dass Reisen und Unterbringung bei internationalen Terminen oft vom Studio übernommen werden, was die Abhängigkeit weiter verstärkt. Seriöse Häuser weisen das aus oder zahlen selbst, und beides ist teuer.

Das Ergebnis ist ein System, in dem kritische Distanz strukturell erschwert wird, ohne dass jemand ausdrücklich etwas verlangen müsste.

Woran man ein echtes Gespräch erkennt

Es gibt sie, und sie sind erkennbar.

Länge ist das erste Anzeichen. Ein Gespräch von vierzig Minuten ist etwas anderes als eines von vier, und die Bedingung dafür ist meist, dass es nicht an einen Kinostart gebunden war.

Das zweite Anzeichen sind Nachfragen. In vier Minuten gibt es keine. Ein Interviewer, der eine Antwort aufgreift und weiterbohrt, hatte Zeit.

Das dritte ist, dass etwas gesagt wird, das nicht in die Werbekampagne passt. Kritik am eigenen Film, Zweifel, eine Meinung zu etwas Kontroversem. Das entsteht nur, wenn jemand entspannt genug ist, und dafür braucht es mehr als ein Hotelzimmer mit Stoppuhr.

Die Podcast-Verschiebung

Eine der größeren Veränderungen der letzten Jahre.

Lange Gesprächsformate außerhalb des klassischen Pressezirkels bekommen inzwischen Termine, die früher an Fernsehsender gingen.

Der Grund ist naheliegend: Die Reichweite stimmt, und das Format ist für die Interviewten angenehmer. Neunzig entspannte Minuten sind erträglicher als vierzig hektische Kurzgespräche.

Der Preis ist, dass diese Formate meist keine journalistische Distanz haben und sie auch nicht beanspruchen. Es sind wohlwollende Gespräche, und das ist genau der Grund, warum die Termine dorthin vergeben werden.

Was man beim Lesen berücksichtigen sollte

Ein paar Dinge, die den Blick verändern.

Erscheint das Interview zeitgleich mit einem Kinostart, ist es Teil einer Kampagne. Das macht es nicht wertlos und ordnet es ein.

Klingt eine Antwort formuliert, ist sie es vermutlich. Antworten auf Standardfragen werden vorbereitet, teils mit professioneller Unterstützung.

Und wo mehrere Medien am selben Tag mit fast identischen Zitaten erscheinen, war es ein Rundlauf. Ein Vergleich von drei Veröffentlichungen macht das binnen Minuten sichtbar.

Was daran nicht zu ändern ist

Die Menge. Ein Film startet weltweit, hunderte Medien wollen Material, und die Zeit der Beteiligten ist begrenzt.

Irgendeine Form von Rationierung muss es geben. Die jetzige Form ist die effizienteste für die Studios und die schlechteste für alles, was man sinnvoll ein Gespräch nennen würde.

Die guten Interviews entstehen deshalb fast immer außerhalb dieser Struktur, meist Monate vor oder nach dem Start, und meist, weil jemand die Zeit dafür durchgesetzt hat.

Der Unterschied zwischen Sprechern und Interviewten

Wer bei einem Filmstart im Terminplan steht, hängt davon ab, was verkauft werden soll.

Hauptdarsteller sind gesetzt. Regie bekommt Termine bei Filmen, deren Handschrift beworben wird. Drehbuch, Kamera, Schnitt und Musik kommen fast nie vor, obwohl dort häufig die interessanteren Gespräche stattfänden.

Das ist eine Marketingentscheidung und formt nebenbei das öffentliche Bild davon, wie Filme entstehen. Wenn über Jahre nur zwei Berufsgruppen befragt werden, entsteht der Eindruck, sie seien der Film.

Fachpublikationen führen diese Gespräche und erreichen ein kleines Publikum, was ein Verlust ist.

Was Leser tun können

Wenig, und ein bisschen mehr als nichts.

Formate honorieren, die erkennbar Zeit investiert haben. Ein langes Gespräch ist teurer in der Herstellung als fünf kurze und lebt davon, dass es gelesen oder gehört wird.

Und die Erwartung senken, dass zum Filmstart etwas Substanzielles gesagt wird. Wer wissen will, wie jemand über seine Arbeit denkt, findet das eher in einem Gespräch, das Monate später und ohne Anlass geführt wurde.

Diese Texte existieren. Sie erscheinen nur nicht in der Woche, in der alle darüber sprechen.