Wer zwei Übersetzungen desselben Buches nebeneinander liest, merkt schnell, dass es sich nicht um dieselbe Sache in leicht abweichender Form handelt. Es sind zwei verschiedene Bücher.

Das ist kein Mangel des Verfahrens, sondern seine Natur, und es lohnt sich, das genauer zu betrachten.

Die Grundentscheidung

Jede Übersetzung bewegt sich zwischen zwei Polen, die sich nicht gleichzeitig erreichen lassen.

Der eine ist die Nähe zum Original: die Satzstruktur, die Bilder, den Rhythmus der Ausgangssprache erhalten, auch wenn das Ergebnis im Deutschen fremd klingt.

Der andere ist die Wirkung: einen Text herstellen, der auf deutsche Leser so wirkt wie das Original auf seine ursprünglichen Leser, auch wenn dafür Formulierungen entstehen müssen, die im Original nicht stehen.

Beides ist begründbar, und keine Übersetzung kann beides zugleich. Wer die Fremdheit erhält, erzeugt Distanz. Wer die Wirkung sucht, glättet.

Woran es konkret scheitert

Ein paar Kategorien, die immer wieder auftauchen.

Anredeformen. Sprachen, die zwischen vertraulicher und förmlicher Anrede unterscheiden, transportieren damit ganze Beziehungsverhältnisse. Sprachen ohne diese Unterscheidung müssen das anders lösen oder weglassen, und in die Gegenrichtung muss der Übersetzer entscheiden, was im Original offengelassen war.

Dialekt und Soziolekt. Eine Figur, die im Original regional gefärbt spricht, sagt damit etwas über Herkunft und Stellung. Ein deutscher Dialekt an dieser Stelle transportiert etwas anderes, nämlich eine deutsche Region. Die meisten Übersetzungen weichen deshalb in eine allgemeine Umgangssprache aus, was Information kostet.

Wortspiele, bei denen im besten Fall ein anderes Wortspiel an anderer Stelle entsteht.

Und Klang. Rhythmus, Alliteration, Satzmelodie sind bei Lyrik das eigentliche Material und bei Prosa mehr, als man denkt.

Warum Bücher neu übersetzt werden

Neuübersetzungen von Klassikern erscheinen regelmäßig, und die Gründe sind aufschlussreich.

Sprache altert. Eine Übersetzung aus den fünfziger Jahren klingt heute nach den fünfziger Jahren, während das Original in seiner Zeit nicht altmodisch wirkte. Die Neuübersetzung stellt die Gleichzeitigkeit wieder her.

Ältere Übersetzungen kürzten häufiger, teils erheblich, teils aus Gründen der Schicklichkeit ihrer Zeit. Passagen, die als anstößig galten, verschwanden ohne Kennzeichnung.

Und der Forschungsstand ändert sich. Bei älteren Texten verbessert sich das Verständnis von Wortbedeutungen und Zusammenhängen laufend.

Woran man eine gute Übersetzung erkennt

Ohne das Original zu kennen, ist das schwierig, und ein paar Hinweise gibt es.

Ein Nachwort des Übersetzers, in dem die getroffenen Entscheidungen erklärt werden. Wer das schreibt, hat bewusst entschieden und stellt sich der Diskussion.

Anmerkungen dort, wo etwas schlicht nicht übertragbar ist, statt einer glatten Lösung, die das Problem verbirgt.

Sprachliche Eigenheit. Ein Text, der nach nichts klingt, ist meist geglättet worden. Große Übersetzungen haben einen erkennbaren Ton.

Und der Name auf dem Umschlag. Verlage, die Übersetzer sichtbar nennen, behandeln die Arbeit als das, was sie ist.

Die Arbeitsbedingungen

Ein Punkt, der die Qualität stärker beeinflusst als jede theoretische Debatte.

Literarische Übersetzung wird in der Regel nach Normseiten vergütet, zu Sätzen, die gemessen am Zeitaufwand niedrig sind. Beteiligungen am Verkaufserfolg sind die Ausnahme.

Daraus ergibt sich ein Druck, schnell zu arbeiten, und Sorgfalt ist genau die Ressource, die dabei zuerst verschwindet.

Übersetzerverbände weisen seit Jahren darauf hin. Die Verbesserungen sind langsam, und das Problem ist strukturell.

Der praktische Rat

Wenn ein Buch mehrfach übersetzt vorliegt, lohnt der Vergleich der ersten Seite. Zehn Minuten in der Buchhandlung entscheiden über mehrere hundert Seiten Leseerfahrung.

Bei sehr sprachbetonten Werken lohnt die neuere Übersetzung meist, bei ohnehin schlichter Prosa spielt es weniger eine Rolle.

Und wer die Ausgangssprache halbwegs beherrscht, sollte gelegentlich eine Seite im Original danebenlegen. Der Blick darauf, was jemand aus einem Absatz gemacht hat, ist eine der interessantesten Formen des Lesens, die ich kenne.

Untertitel und Synchronfassungen als Sonderfall

Dieselben Fragen stellen sich bei Film und Fernsehen unter härteren Bedingungen.

Untertitel unterliegen einer Zeichenbeschränkung, die sich aus der Lesegeschwindigkeit ergibt. Was gesprochen wird, passt nicht hinein, also wird gekürzt, und zwar erheblich.

Synchronfassungen unterliegen der Lippenbewegung, was Formulierungen nach Silbenzahl erzwingt.

Beide Verfahren sind also nicht nur Übersetzungen, sondern Übersetzungen unter zusätzlichen formalen Zwängen, und beide leisten unter diesen Bedingungen mehr, als man ihnen üblicherweise zugesteht.

Maschinelle Übersetzung

Der Punkt, an dem sich derzeit am meisten bewegt, und der eine Unterscheidung verlangt.

Für Gebrauchstexte ist die Qualität inzwischen hoch genug, dass sich der Einsatz lohnt und eine Nachbearbeitung durch Fachleute üblich ist.

Für literarische Texte liegt das Problem woanders. Die Entscheidungen, um die es geht, sind Interpretationen: welche Bedeutungsebene betont wird, welcher Ton gewählt wird, was bewusst fremd bleiben soll.

Ein System, das auf statistische Wahrscheinlichkeit optimiert ist, wählt tendenziell die naheliegende Variante, und genau die ist bei anspruchsvollen Texten häufig die falsche.

Übersetzerverbände weisen zusätzlich darauf hin, dass der Einsatz solcher Systeme als Grundlage die Honorare weiter unter Druck setzt, was auf die Qualität zurückwirkt.

Wo Übersetzung etwas hinzufügt

Zum Abschluss ein Gegengewicht zur Verlustrechnung.

Manche Übersetzungen sind literarisch bedeutender als das, was sie übertragen haben, und einige haben die Zielsprache messbar verändert.

Bibelübersetzungen sind das bekannteste Beispiel, und es gibt zahlreiche kleinere. Eine Übersetzung ist ein eigener Text, hergestellt von jemandem, der Entscheidungen trifft, und gute Entscheidungen ergeben gute Texte.

Das ist der Grund, warum man von Übersetzern sprechen sollte wie von Autoren, und warum ihre Namen auf den Umschlag gehören.