Ich habe jahrelang Serien geschaut und dabei etwas anderes gemacht. Telefon in der Hand, halbe Aufmerksamkeit, gelegentlich zurückspulen, weil eine Szene an mir vorbeigegangen war.

Vor gut einem Jahr habe ich damit aufgehört, aus Neugier mehr als aus Prinzip. Das Ergebnis war deutlicher, als ich gedacht hätte.

Was mir zuerst auffiel

Dass ich vorher erhebliche Teile schlicht nicht mitbekommen hatte.

Nicht die Handlung, die bekommt man auch halb hin. Sondern alles andere: Blicke, Pausen, was im Hintergrund passiert, wie ein Raum aussieht, was jemand gerade nicht sagt.

Bei einer Serie, die ich vorher halb gesehen und dann noch einmal richtig geschaut habe, war der Unterschied so groß, dass es sich wie ein anderes Werk anfühlte.

Was mich am meisten irritiert hat: Ich hätte vorher behauptet, sie gesehen zu haben, und hätte auch den Inhalt wiedergeben können.

Der Zeitgewinn, den es nicht gab

Der Grund fürs Nebenbeischauen war ja, zwei Dinge gleichzeitig zu erledigen.

Tatsächlich habe ich beim Nebenbeischauen weder das eine noch das andere gut gemacht. Die Nachrichten, die ich dabei geschrieben habe, waren schlecht. Die Serie habe ich halb gesehen.

Die Forschung zu geteilter Aufmerksamkeit sagt ungefähr dasselbe, und ich habe es geglaubt, ohne es auf mich zu beziehen.

Unterm Strich habe ich jetzt weniger Serien gesehen und mehr davon gehabt, und die Zeit, die ich nicht vor dem Fernseher verbringe, ist tatsächlich frei statt halb belegt.

Was schwer war

Die ersten Wochen waren unangenehm, und zwar auf eine Weise, die mir zu denken gegeben hat.

Es gab eine körperliche Unruhe in ruhigen Szenen. Der Griff zum Telefon passierte, bevor ich es entschieden hatte.

Besonders bei langsamen Passagen, also genau bei denen, die von Aufmerksamkeit leben. Was ich vorher als langweilig empfunden hätte, war schlicht der Moment, in dem meine Konzentration ausgestiegen ist.

Nach etwa drei Wochen ließ das nach. Nach zwei Monaten war es weg.

Was ich geändert habe

Praktisch und wenig aufregend.

Das Telefon liegt in einem anderen Raum. Nicht umgedreht auf dem Tisch, sondern woanders, weil die Nähe allein schon Aufmerksamkeit bindet.

Eine Folge statt vier. Das war die zweite große Veränderung und hat mehr gebracht, als ich erwartet hätte.

Licht aus oder gedämpft, was albern klingt und den Unterschied zwischen Zuschauen und Nebenherlaufenlassen markiert.

Und keine Serien mehr beim Essen, was bei mir die häufigste Situation für halbes Schauen war.

Was sich an der Auswahl geändert hat

Der interessanteste Nebeneffekt.

Vieles, was ich früher nebenbei geschaut habe, funktioniert bei voller Aufmerksamkeit nicht. Es ist zu dünn, zu vorhersehbar, zu offensichtlich auf Nebenbeikonsum gebaut.

Umgekehrt sind Werke, die ich früher als anstrengend empfunden hätte, plötzlich zugänglich. Langsame Serien, Filme mit wenig Dialog, alles mit einem Tempo, das Nebenbeischauen nicht überlebt.

Es gibt eine ganze Kategorie von Produktionen, die für geteilte Aufmerksamkeit gemacht ist. Man erkennt sie daran, dass wichtige Informationen doppelt gesagt werden und dass nie etwas rein visuell erzählt wird.

Wo ich nicht dogmatisch bin

Es gibt Situationen, in denen Nebenbeischauen genau richtig ist.

Beim Bügeln, beim Kochen, bei jeder Tätigkeit, die die Hände beschäftigt und den Kopf frei lässt. Dafür ist Material, das nicht viel verlangt, keine schlechte Sache, sondern das passende Werkzeug.

Was ich nicht mehr mache, ist beides zu verwechseln. Etwas, das mir wichtig ist, schaue ich richtig oder gar nicht.

Ob ich es empfehlen würde

Für einen Monat, als Versuch, ja.

Der interessante Teil ist nicht, dass man mehr mitbekommt, das war absehbar. Der interessante Teil ist zu merken, wie viel Übung nötig war, um wieder eine Stunde am Stück auf eine Sache zu schauen.

Diese Erkenntnis hat bei mir mehr verändert als alles, was ich in dem Jahr gesehen habe.

Was mit dem Zweitgerät passiert

Der Teil, den ich am wenigsten erwartet hatte.

Ich hatte angenommen, das Telefon sei eine Reaktion auf Langeweile. Tatsächlich griff ich am häufigsten in Momenten danach, die unangenehm waren: bei Spannung, bei peinlichen Szenen, bei allem, was Anstrengung verlangte.

Das Gerät war kein Zeitvertreib, sondern ein Ausweg, und zwar genau aus den Stellen, an denen etwas passierte.

Diese Beobachtung hat sich bei anderen, mit denen ich darüber gesprochen habe, mehrfach bestätigt, und sie erklärt, warum ausgerechnet die wichtigen Szenen so oft an einem vorbeigehen.

Der Nebeneffekt beim Lesen

Etwas, das ich nicht beabsichtigt hatte und das mir am meisten wert ist.

Nach etwa vier Monaten fiel mir auf, dass ich wieder längere Texte am Stück lesen konnte, ohne zwischendurch abzuschweifen.

Ich habe dafür keinen Beleg außer der eigenen Erfahrung, und der Zusammenhang wirkt plausibel: Es ist dieselbe Fähigkeit, die beim ungeteilten Zuschauen geübt wird.

Wer also nicht wegen Serien anfangen will, hat vielleicht diesen Grund. Der Aufwand ist derselbe, und der Nutzen reicht über den Abend hinaus.

Ein realistischer Anfang

Wer es versuchen will, sollte nicht mit einer ganzen Staffel anfangen.

Eine Folge pro Woche, ohne Telefon, mit dem Vorsatz, sie zu Ende zu schauen. Das ist wenig genug, um durchzuhalten, und lang genug, um den Unterschied zu bemerken.

Alles andere kann bleiben, wie es ist. Der Punkt ist nicht Disziplin, sondern zu erfahren, wie die andere Variante überhaupt aussieht.