Wer alte und neue Aufnahmen direkt hintereinander hört, bemerkt einen Unterschied, der schwer zu benennen ist. Neuere Produktionen wirken lauter, dichter, und gleichzeitig oft flacher.

Dahinter steckt eine Entwicklung über mehrere Jahrzehnte, die vor einigen Jahren durch eine technische Entscheidung der Streamingdienste beendet wurde.

Der Wettlauf und seine Logik

Die Ausgangsbeobachtung ist alt: Wird derselbe Titel lauter abgespielt, wird er von den meisten Hörern als besser beurteilt. Der Effekt ist gut belegt und tritt auch dann auf, wenn man ihn kennt.

Daraus ergab sich für alle Beteiligten ein einfacher Anreiz. Wer im Radio, in der Jukebox, in der Playlist lauter war als der Nachbar, gewann Aufmerksamkeit.

Lauter geht bei einem digitalen Medium mit fester Obergrenze nur auf eine Weise: indem man den Abstand zwischen leisen und lauten Stellen verkleinert. Kompression und Begrenzung heben das Leise an und deckeln das Laute.

Über die Jahre wurde das immer weiter getrieben, bis viele Produktionen kaum noch Dynamik hatten.

Was dabei verloren geht

Der Schlagzeugeinsatz ist das offensichtlichste Beispiel. Ein Schlag lebt vom Unterschied zwischen dem Moment davor und dem Moment selbst. Wird dieser Unterschied eingeebnet, bleibt ein Geräusch ohne Wucht.

Dasselbe gilt für jede Steigerung. Eine Strophe, die leiser ist als der Refrain, macht den Refrain groß. Sind beide gleich laut, passiert nichts.

Und es gibt einen Ermüdungseffekt. Durchgehend dichtes Material ist über längere Zeit anstrengend zu hören, was viele als diffuses Unwohlsein wahrnehmen, ohne die Ursache zu benennen.

Was die Normalisierung geändert hat

Streamingdienste gleichen die Lautheit ihrer Titel inzwischen an einen Zielwert an, damit beim Wechsel zwischen Stücken nicht ständig nachgeregelt werden muss.

Damit ist der Anreiz weg. Wer lauter mastert, wird schlicht weiter heruntergeregelt. Der Vorteil verschwindet, die Nachteile bleiben.

Im Ergebnis klingt eine stark komprimierte Produktion nach der Angleichung schlechter als eine dynamische, weil sie nun genauso laut ist und weniger Kontrast hat.

Das ist eine der wenigen technischen Entscheidungen der Streamingära, die musikalisch eindeutig zum Guten gewirkt hat.

Warum trotzdem noch laut gemastert wird

Der Wandel geht langsamer, als die Technik es nahelegt, und dafür gibt es Gründe.

Gewohnheit ist einer. Eine Generation von Produzenten hat gelernt, dass laut gleich professionell ist, und ein dynamisches Master klingt beim ersten Hören im Studio unspektakulär.

Der zweite Grund ist, dass nicht alle Wiedergabewege normalisieren. Auf einer Datei, die direkt abgespielt wird, in Clubs, im Radio und in einigen Anwendungen gilt weiterhin die alte Logik.

Und der dritte ist die Erwartung von Auftraggebern, die Vergleiche mit bestehenden Veröffentlichungen anstellen und dabei ohne Angleichung hören.

Was das für Hörer bedeutet

Ein paar praktische Punkte.

Die Normalisierung lässt sich in den meisten Diensten abschalten, und es gibt kaum einen Grund, das zu tun. Wer sie ausschaltet, bekommt die Lautstärkesprünge zurück.

Manche Dienste bieten mehrere Zielwerte an, etwa für laute Umgebungen. Die lauteren Einstellungen wenden zusätzliche Begrenzung an, was in der Bahn sinnvoll ist und zu Hause nicht.

Und wer den Unterschied hören will, findet zu vielen Alben Neuabmischungen mit größerem Dynamikumfang. Der Vergleich ist aufschlussreich, besonders bei Aufnahmen aus den Jahren, in denen der Wettlauf am schärfsten war.

Die Verschiebung, die daraus folgt

Wenn Lautheit als Mittel wegfällt, muss die Wirkung anderswo entstehen.

Das führt zurück zu Arrangement und Dynamik als kompositorischen Mitteln. Ein Stück, das wirken soll, braucht wieder eine Kurve statt einer Wand.

Ob das in der Breite ankommt, ist offen. Bemerkenswert ist immerhin, dass eine rein technische Maßnahme eines Vertriebswegs eine ästhetische Entwicklung beendet hat, die dreißig Jahre lang niemand aufhalten konnte.

Wie man den Unterschied selbst hört

Ein Vergleich, der ohne Messtechnik funktioniert und der überraschend deutlich ausfällt.

Man nehme dasselbe Stück in einer frühen und einer späteren Veröffentlichung, etwa eine Originalausgabe und eine spätere Neuauflage, und gleiche die Lautstärke von Hand so an, dass beide gleich laut wirken.

Der erste Eindruck ist meist, dass die ältere Fassung leiser klingt, obwohl sie es nun nicht mehr ist. Was man tatsächlich hört, ist der größere Abstand zwischen leisen und lauten Stellen.

Nach einigen Minuten kippt der Eindruck bei den meisten Menschen, und die stark bearbeitete Fassung wirkt anstrengend.

Was das für Musikproduktion bedeutet

Für Menschen, die selbst aufnehmen, ergibt sich daraus eine klare Empfehlung.

Mastern auf einen üblichen Zielwert für Lautheit, mit ausreichend Reserve nach oben, statt so laut wie technisch möglich.

Die Kontrolle dafür ist eine Lautheitsmessung, nicht das Gehör, weil das Gehör in dieser Frage systematisch in die falsche Richtung urteilt.

Und Vergleiche mit Referenzen nur bei angeglichener Lautstärke, weil ein Vergleich ohne Angleichung automatisch die lautere Fassung bevorzugt, unabhängig von allem anderen.

Was Vinyl damit zu tun hat

Ein häufig genanntes Argument, das teilweise stimmt.

Schallplatten vertragen extreme Kompression physikalisch schlechter, weil die Rille sonst nicht mehr sauber geschnitten werden kann. Für Vinylausgaben wird deshalb oft ein eigenes, weniger stark bearbeitetes Master angefertigt.

Das erklärt einen Teil des Eindrucks, Platten klängen offener, und zwar unabhängig von allem, was über das Medium sonst behauptet wird.

Es ist also nicht das Format, sondern die Bearbeitung, und dieselbe Fassung digital abgespielt klänge genauso gut.