Kaum eine Diskussion wird so verbissen geführt und so selten sachlich. Die eine Seite hält Synchronisation für eine Verfälschung, die andere Untertitel für eine Zumutung.
Beide Fassungen sind Bearbeitungen mit erheblichen Eingriffen. Sie greifen nur an unterschiedlichen Stellen ein.
Was Untertitel weglassen
Der Punkt, der von der Untertitelfraktion regelmäßig übersehen wird.
Untertitel sind nicht die Übersetzung des Gesagten. Sie sind eine gekürzte Fassung davon, und die Kürzung ist erheblich.
Der Grund ist Lesegeschwindigkeit. Ein Untertitel muss lang genug stehen, um gelesen zu werden, und darf nicht mehr Zeichen haben, als in dieser Zeit lesbar sind. Übliche Richtwerte liegen deutlich unter dem, was Menschen sprechen.
Also fallen Wiederholungen weg, Füllwörter, Höflichkeitsformeln, Nebensätze. Bei schnellen Dialogen kann ein erheblicher Teil des Inhalts verschwinden.
Dazu kommt, dass man beim Lesen nicht auf das Bild schaut. Bei visuell dichten Werken entgeht einem laufend etwas, und das ist bei Animation mit vielen Details besonders folgenreich.
Was Synchronisation verändert
Die Eingriffe hier sind offensichtlicher und werden häufiger benannt.
Die Stimme ist ein zentraler Teil einer schauspielerischen Leistung. Sie zu ersetzen bedeutet, diesen Teil durch einen anderen zu ersetzen, auch wenn er gut ist.
Die Lippensynchronität erzwingt Formulierungen, die sich nach Silbenzahl und Mundbewegung richten statt nach dem Inhalt. Sätze werden umgebaut, um zu passen.
Und der Originalton verschwindet nicht nur bei der Sprache. Die Abmischung ist eine andere, Raumanteile klingen anders, und in schlechten Fällen sitzen die Stimmen erkennbar nicht im Raum.
Warum Anime ein Sonderfall ist
Das Argument gegen Synchronisation stützt sich auf die Ersetzung einer Darstellerleistung. Bei Animation ist die Lage anders.
Auch die Originalfassung ist eine Aufnahme von Sprechern zu bereits vorhandenen oder noch zu erstellenden Bildern. Es gibt keine ursprüngliche körperliche Darstellung, die verletzt würde.
Die japanische Produktionspraxis nimmt die Stimmen üblicherweise nach den Bildern auf, was der Synchronisation strukturell ähnelt.
Das entwertet die Originalfassung nicht. Es schwächt aber das Argument, sie sei prinzipiell authentischer als eine andere Sprachfassung.
Der Bearbeitungsteil
Ein historisch belasteter Punkt, der die Debatte im Bereich Anime lange geprägt hat.
Frühere Lokalisierungen haben teils erheblich eingegriffen: Namen geändert, kulturelle Bezüge ersetzt, Szenen geschnitten, ganze Handlungsstränge umgeschrieben.
Diese Praxis erklärt einen guten Teil des Misstrauens, das bis heute besteht. Heutige Synchronfassungen arbeiten in aller Regel deutlich näher am Original.
Bei Untertiteln gibt es das Gegenstück in Form sehr wörtlicher Fassungen, die japanische Anreden und Begriffe unübersetzt lassen. Das hat Anhänger und ist ebenfalls eine Entscheidung, keine Neutralität.
Wann was besser funktioniert
Praktisch statt grundsätzlich.
Bei visuell dichten Werken, bei schnellen Actionszenen und bei allem, was viel gleichzeitig zeigt, spricht viel für die Synchronfassung, weil die Augen frei bleiben.
Bei dialoglastigen Werken mit sprachlichem Eigensinn, bei Wortspielen und bei allem, wo die Sprechweise Charakterisierung ist, spricht viel für die Originalfassung mit Untertiteln.
Bei Werken, in denen die Sprache selbst Thema ist, etwa bei Dialekten oder Sprachwechseln innerhalb der Handlung, geht in der Synchronisation zwangsläufig etwas verloren.
Die Kompromisse
Zwei, die selten empfohlen werden und gut funktionieren.
Untertitel in der Originalsprache, wenn man sie halbwegs versteht. Das umgeht die Kürzung durch Übersetzung und ist beim Sprachenlernen der eigentliche Gewinn.
Und die Synchronfassung beim ersten Sehen, die Originalfassung beim zweiten. Wer die Handlung kennt, kann sich beim zweiten Durchgang auf die Sprache konzentrieren, ohne dabei das Bild zu verlieren.
Was in jedem Fall verschwinden sollte, ist die Vorstellung, eine der beiden Fassungen sei das Werk und die andere ein Ersatz. Beide sind Übertragungen, und beide kosten etwas.
Die Arbeitsbedingungen dahinter
Ein Aspekt, der in der Debatte fast nie vorkommt und die Qualität stark beeinflusst.
Untertitelung wird häufig nach Minuten des Materials vergütet, zu Sätzen, die für sorgfältige Arbeit knapp sind. Bei sehr kurzen Fristen entstehen Fassungen, die erkennbar unter Zeitdruck gemacht wurden.
Bei Synchronfassungen kommt hinzu, dass Sprecher ihre Rollen oft einzeln und ohne Kenntnis des Gesamtzusammenhangs aufnehmen, weil das terminlich einfacher ist.
Wer sich wundert, warum manche Fassungen wie unverbundene Einzelteile klingen, hat damit einen Teil der Erklärung.
Simulcast und was er verändert hat
Die Veröffentlichung fast zeitgleich mit der Ausstrahlung im Herkunftsland hat den Zugang enorm verbessert und den Zeitdruck verschärft.
Untertitel müssen binnen Stunden fertig sein, teils auf Grundlage von Fassungen, die selbst noch nicht final sind.
Synchronfassungen können in diesem Tempo nicht entstehen und erscheinen deshalb später, was den Eindruck verstärkt, sie seien zweitrangig.
Der Vergleich zwischen einer unter Zeitdruck erstellten Untertitelfassung und einer mit mehr Ruhe produzierten Synchronfassung fällt deshalb nicht immer so aus, wie die grundsätzliche Debatte es nahelegt.
Der praktische Schluss
Wer sich nicht festlegen will, sollte es auch nicht tun.
Die Fassung nach Werk zu wählen statt nach Grundsatz ist die vernünftigste Haltung, und sie erfordert lediglich, beide gelegentlich auszuprobieren.
Was man dabei feststellt, ist meist, dass die Entscheidung weniger von der Sprache abhängt als davon, wie viel gleichzeitig auf dem Bildschirm passiert.
Was dabei erfahrungsgemäß hilft, ist die Bereitschaft, mitten in einer Serie zu wechseln. Es gibt keinen Grund, eine einmal getroffene Entscheidung über zwanzig Folgen durchzuhalten, wenn sie sich als unpassend erweist. Die meisten Anbieter erlauben den Wechsel jederzeit, und wer ihn einmal ausprobiert hat, merkt schnell, welche Fassung dem jeweiligen Werk tatsächlich mehr gibt.