Auf Kopfhörerverpackungen stehen Zahlen, die präzise wirken und über den Klang fast nichts aussagen. Wer danach kauft, kauft im Blindflug.

Der Frequenzbereich

Die am häufigsten genannte und am wenigsten aussagekräftige Angabe.

Angegeben wird ein Bereich, etwa von sehr niedrigen bis sehr hohen Frequenzen. Was fehlt, ist die Angabe, mit welcher Toleranz dieser Bereich eingehalten wird.

Ohne Toleranzangabe bedeutet die Zahl nur, dass in diesem Bereich überhaupt etwas passiert. Ein Kopfhörer, der bei einer Frequenz kaum noch etwas wiedergibt, kann sie trotzdem nennen.

Dazu kommt, dass menschliches Hören ohnehin in einem engeren Bereich stattfindet, der mit dem Alter zusätzlich schrumpft. Angaben weit darüber hinaus sind Werbung.

Die Treibergröße

Wird als Qualitätsmerkmal präsentiert und ist keines.

Größere Treiber bewegen mehr Luft, was theoretisch für tiefe Frequenzen hilft. Wie ein Kopfhörer klingt, hängt aber von der Abstimmung, dem Gehäuse, dem Material und der Konstruktion ab.

Es gibt sehr gut klingende Kopfhörer mit kleinen Treibern und sehr schlecht klingende mit großen. Der Zusammenhang ist zu schwach, um als Auswahlkriterium zu taugen.

Die Impedanz

Eine Angabe, die tatsächlich etwas bedeutet, aber etwas anderes, als viele annehmen.

Sie sagt nichts über die Qualität, sondern darüber, was für ein Gerät man zum Antreiben braucht.

Hochohmige Modelle brauchen einen kräftigeren Verstärker. An einem Telefon oder einem Laptop bleiben sie leise und klingen dünn, nicht weil sie schlecht sind, sondern weil sie unterversorgt werden.

Niederohmige Modelle laufen an allem und sind bei manchen Geräten anfälliger für Rauschen.

Wer keinen separaten Verstärker hat, sollte niederohmig kaufen. Das ist die einzige praktische Konsequenz aus dieser Zahl.

Was tatsächlich entscheidet

Drei Dinge, die auf keiner Verpackung stehen.

Die Abstimmung, also wie die Frequenzen relativ zueinander gewichtet sind. Das ist der Klangcharakter, und er ist Geschmackssache mit einer breiten Zone dessen, was allgemein als ausgewogen gilt.

Die Bauform. Geschlossen, halboffen oder offen entscheidet über Isolation und Räumlichkeit. Offene Modelle klingen weiter und lassen Schall in beide Richtungen durch, sind also in Gesellschaft unbrauchbar.

Und die Passform, die den größten Einfluss überhaupt hat. Ein In-Ear mit schlechter Abdichtung verliert die tiefen Frequenzen fast vollständig. Ein Over-Ear, der schlecht sitzt, ebenfalls.

Warum Vergleiche schwierig sind

Der Kern des Problems beim Kauf.

Klangeindrücke sind stark davon abhängig, was man unmittelbar davor gehört hat, wie laut abgespielt wird und was für Material läuft.

Lauter wird fast immer als besser wahrgenommen, was Vergleiche im Laden weitgehend entwertet.

Und Gewöhnung ist stark. Ein Kopfhörer, der anfangs merkwürdig klingt, kann nach einer Woche richtig klingen, ohne dass sich etwas am Gerät geändert hätte.

Wer vergleichen will, sollte dieselben zwei oder drei bekannten Stücke verwenden, bei gleicher Lautstärke, mit Pausen dazwischen.

Aktive Geräuschunterdrückung

Der Bereich, in dem sich in den letzten Jahren am meisten getan hat und in dem die Werbung am ungenauesten ist.

Die Technik funktioniert gut gegen gleichmäßige tiefe Geräusche: Motoren, Lüftung, Fahrgeräusche.

Sie funktioniert deutlich schlechter gegen Sprache und unregelmäßige Geräusche, was genau das ist, was die meisten Menschen im Büro stört.

Passive Dämpfung durch gute Abdichtung leistet in diesem Bereich oft mehr, und ordentliche In-Ears mit passenden Aufsätzen schlagen viele aktive Modelle bei Sprache.

Was ich empfehlen würde

Sich für eine Bauform entscheiden, ausgehend davon, wo man hört. Das grenzt die Auswahl stärker ein als jede Klangfrage.

Auf Passform achten und bei In-Ears verschiedene Aufsätze ausprobieren, was mehr bringt als ein doppelt so teures Modell.

Messungen aus unabhängigen Quellen ansehen, die Frequenzgänge tatsächlich abbilden, statt Herstellerangaben zu vergleichen.

Und die Preisklasse nicht überschätzen. Der Zugewinn oberhalb eines mittleren Preisbereichs ist real und klein, und er verschwindet vollständig, wenn der Sitz nicht stimmt.

Kabellos und was dabei passiert

Ein Bereich mit eigenen Zahlen, die ebenfalls überschätzt werden.

Bei drahtloser Übertragung wird das Signal komprimiert, und welches Verfahren verwendet wird, hängt davon ab, was Sender und Empfänger gemeinsam beherrschen.

Die Namen dieser Verfahren stehen inzwischen auf Verpackungen und sagen für sich genommen wenig, weil die tatsächliche Qualität stark von der Umsetzung abhängt.

Praktisch relevanter ist, dass beide Seiten dasselbe unterstützen müssen. Ein Kopfhörer mit einem aufwendigen Verfahren an einem Gerät, das es nicht kennt, fällt auf den Grundstandard zurück.

Und die Verzögerung, die bei Musik keine Rolle spielt und bei Video und Spielen sehr wohl, wird selten angegeben.

Was mit der Zeit passiert

Ein Punkt, der bei der Kaufentscheidung fehlt und über Jahre entscheidet.

Ohrpolster verschleißen, und ein abgenutztes Polster verändert den Klang deutlich, weil es die Abdichtung verschlechtert. Bei Modellen mit erhältlichen Ersatzpolstern ist das eine Kleinigkeit, bei anderen das Ende.

Kabel gehen kaputt, meist an derselben Stelle. Ein abnehmbares Kabel verwandelt einen Totalschaden in eine Ersatzteilfrage.

Und Akkus bei drahtlosen Modellen altern unabhängig von der Nutzung. Ob sie tauschbar sind, entscheidet über die Lebensdauer des ganzen Geräts, und die Antwort lautet erschreckend oft nein.

Der Kauf in einem Satz

Bauform nach Einsatzort, Passform vor Preisklasse, unabhängige Messungen statt Herstellerangaben, und Ersatzteilverfügbarkeit prüfen.

Damit sind die Entscheidungen getroffen, die tatsächlich etwas ändern, und alle Zahlen auf der Verpackung sind dabei nicht vorgekommen.

Das ist kein Zufall, sondern der ganze Punkt.